BLOG: Deine Stimme für Inklusion

  


„Deine Stimme für Inklusion – mach mit!“

  

Regens Wagner
Offene Hilfen im Landkreis Bayreuth

Hauptstraße 24
91257 Pegnitz
Tel.: 09241 - 80 90 333
E-Mail: offene-hilfen-pegnitz@regens-wagner.de

Der inklusive Blog
„Deine Stimme für Inklusion - mach mit“

weitere Ausgaben am
- 19. Mai 2021
- 26. Mai 2021
- 02. Juni 2021
- 09. Juni 2021
- 16. Juni 2021

  

Der 5. Mai ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Jedes Jahr laden Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe zu verschiedenen Aktionen ein, um auf die Situation von Menschen mit Behinderung in Deutschland aufmerksam zu machen. Dieses Mal lautet das Motto: 

„Deine Stimme für Inklusion – mach mit!“

Es ist ein Aufruf an alle Menschen, Missstände aufzudecken, Teilhabe-Barrieren sichtbar zu machen und Menschen mit Behinderung dabei zu unterstützen, sich für ihre Rechte einzusetzen – für mehr Miteinander statt Nebeneinander.

Die Offenen Hilfen im Landkreis Bayreuth von Regens Wagner starteten am 5. Mai 2021 mit einem wöchentlichen Blog. Wir haben uns in unserem Umfeld umgehört und Mitarbeiter, Angehörige und Betroffene dazu ermutigt, sich an unserem Blog zum Thema „Barrieren“ zu beteiligten.

 

Lesen Sie heute den Beitrag von Frau Hermey, einer Mutter, die über die Liebesbeziehung ihrer Tochter berichtet.


Eine besondere Beziehung

„Mama, passen meine Haare? Sitzt der Pulli gut?“

Es ist 14.45 Uhr an einem Samstagnachmittag und meine Tochter Linda (21) geht noch einmal mit mir ihr Outfit durch. Gleich kommt ihr Freund Matthias. Hätte mir jemand vor 2,5 Jahren gesagt, dass Sie jemals einen Freund haben würde, ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Linda hat frühkindlichen Autismus, der leider erst im Alter von 9 Jahren festgestellt wurde. Sie kann sehr ruhig und verschlossen sein und wenn man von ihr etwas Bestimmtes wissen möchte, muss man ihr das manchmal schon etwas aus der Nase ziehen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Autisten, kann sie Blickkontakt halten, fordert diesen oft sogar ein, kann manchmal Nähe zulassen und sie kann normal sprechen. Somit hat sie nicht in die typische „Autismus-Schublade“ gepasst, was viele Ärzte zuerst nicht beachtet haben.

Mittlerweile arbeitet Linda in einer Behindertenwerkstatt und fühlt sich dort sehr wohl. Das liegt unter anderem daran, dass sie dort ihren Matthias kennenlernen durfte. Ich bin zuerst aus allen Wolken gefallen, als mir die Gruppenleitung am Telefon sagte, dass Linda einen Freund habe: Matthias, 31, der im Garten der Werkstatt arbeitet. Es schien mir schwer vorstellbar, dass Linda einen richtigen Freund hätte und diese Nähe zulassen kann. Also habe ich in der Werkstatt nach der Telefonnummer der Eltern von Matthias gefragt und seine Mutter Gabi angerufen.

Gabi war nicht ganz so überrascht wie ich, da Matthias schon mal Freundschaften mit Mädchen hatte. Aber sie war positiv überrascht über die Tiefe der Bindung, die zwischen den Beiden entstanden ist. Und über die Freundschaft, die sich dadurch zwischen unseren Familien entwickelt hat. Matthias hat, trotz seiner Lernbehinderung, die Förderschule und sogar eine Ausbildung zum Holzfachwerker geschafft.

Wir haben beide schnell gemerkt, dass Linda und Matthias in dieser Beziehung aufblühen und glücklich sind. Auch der Altersunterschied spielt dabei gar keine Rolle. Deshalb haben wir die Beiden von Anfang an unterstützt und private Unternehmungen, außerhalb der Arbeit, möglich gemacht. Sie haben gemeinsam Ausflüge und sogar schon einen kleinen Urlaub mit den Gruppen der Offenen Hilfen von Regens Wagner unternommen. Inzwischen sind sie schon seit über zwei Jahren ein Liebespaar und die besten Freunde. Sie essen an jedem Arbeitstag gemeinsam Mittag und sind samstags abwechselnd bei einem von uns zu Hause. So sehen sie sich sogar öfter als manch andere Paare.

Auch körperliche Sexualität ist für Linda und Matthias natürlich irgendwann Thema geworden. Daher haben wir für sie Termine bei Pro Familia gemacht - sowas möchte man ja nicht unbedingt mit den Eltern besprechen. Wir haben gemerkt, dass die Gespräche dort beiden gut gefallen haben und es ein Zeichen für sie war, dass wir ihre Beziehung ernst nehmen.

An Linda und Matthias kann man sehen, dass Menschen mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung genauso den Wunsch und das Recht nach Nähe und Partnerschaft haben, wie jeder andere auch. Mit Einsatz und Unterstützung von uns Eltern durch Fahrdienste, gemeinsame Absprachen und gemeinsames Lösen von Problemen, ist dies auch möglich und gibt dem Paar die Chance ihre Beziehung nach den eigenen Vorstellungen zu führen.


 

Wie gestaltet sich Ihr Alltag - sind Sie vielleicht auch mit Barrieren konfrontiert?

Wenn Sie Interesse daran haben genau auf diese aufmerksam zu machen, können Sie jederzeit Kontakt zu uns aufnehmen unter:

offene-hilfen-pegnitz@regens-wagner.de

Gemeinsam können wir einen Blog erstellen und diesen dann im Rahmen des Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung veröffentlichen.

  
 

Frühere Beiträge:

 


05.05.2021: Beitrag von einem jungen Mann im Rollstuhl.


Urlaub mit Hindernissen

Ich buchte eine Reise zum Chiemsee. Im August sollte es losgehen. Es hieß: „behindertengerechtes“ Zimmer. Ich dachte mir nichts dabei, aber ich sollte mein „blaues Wunder“ erleben.

In den Tagen zuvor hatte ich meine „7 Sachen“ gepackt – genauer gesagt zwei Koffer - *grins*. Am Anreisetag verlud ich mein Gepäck und los ging´s mit dem PKW Richtung Süden.

Nach 5 Stunden Autofahrt angekommen, die erste Überraschung. Eine Schranke an einem Großparkplatz – mehrere hundert Meter vor dem Hoteleingang. Also im Hotel angerufen. Die freundliche Dame sagte mir, dass ich direkt neben dem Hoteleingang einen der beiden Behinderten-Parkplätze benutzen darf. Gott sei Dank! Problem gelöst.

Am Parkplatz angekommen, half mir ein Hotel-Angestellter beim Ausladen und beim Transport des Gepäcks aufs Zimmer. Der Weg führte über einen alten Lastenaufzug mit sperriger Tür zum Öffnen. Aber na gut – bin ja relativ kräftig. Dort angekommen – die nächsten Überraschungen. Das Bett war ein 08/15-Standard-Bett, also eigentlich viel zu niedrig für einen Rollstuhlfahrer wie mich. Die Dusche war auch ziemlich schmal und eng. Aber ich bin ja Optimist und dachte mir: „Das bekomme ich schon irgendwie hin.“

Ich hatte jetzt einen großen Hunger. An der Rezeption erfuhr ich, dass die Gaststätte bereits um 19 Uhr schließt und ich wollte mich eigentlich noch hinlegen – nach der langen Autofahrt. Also was tun? Ich machte mich trotzdem auf zur Gaststätte nebenan.

Nächstes Problem: gefühlte 20 Stufen und kein weiterer Eingang! Zuvor hatte die Dame an der Rezeption in der Gaststätte angerufen und mitgeteilt, dass ein Rollstuhlfahrer Hilfe benötigt. Es kamen zwei Kellner und trugen mich samt Rollstuhl die Stufen hoch und nach dem Essen natürlich wieder runter. Aber sowas war ich bereits ja schon gewohnt. Es gibt einfach immer noch viel zu viele Gebäude mit Treppenstufen. Im Außenbereich konnte ich mich nicht aufhalten, weil es regnete. Nach dem Essen war ich aber wirklich platt und konnte mich endlich ins Bett legen und richtig ausschlafen.

Doch Moment mal! Das Bett war – wie bereits erwähnt – viel zu tief! Hineinplumsen lassen ist kein Problem, dafür sorgt ja die Schwerkraft *grins*, doch wie wieder herauskommen.  Nach kurzem Grübeln – die Idee! Ich stapelte einfach mehrere Kissen und Decken übereinander, setzte mich darauf und hob mich schnell von dort aus in den Rollstuhl! Puh! Ein ziemlicher Kraftakt – aber geschafft!

Ach ja, da war ja noch was… Die Dusche war auch zu eng. Aber hierfür gibt’s ja Haltegriffe! Also hangelte ich mich von einem zum anderen auf den Duschsitz. Nächstes Problem gelöst! Yeah!!

Alles in allem war es aber trotzdem eine schöne und abenteuerliche Woche am Chiemsee.

Die Erfahrung, die ich in diesen Tagen machen musste, war – zumindest was die Einstufung von Unterkünften betrifft – behindertengerecht ist nicht gleich rollstuhlgerecht. Ein Lift und ein paar Haltegriffe reichen halt nicht!